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Montag, 13. Februar 2017

Feminismus heißt nicht Unrasiert-und-ungebumst

An einem unschuldigen Donnerstagabend sind Jasha, Jacky, Lena und ich in die Uni geeilt und haben uns einen Platz in der Mitte des Publikumsraumes ergattert, um dem Vortrag "(Sexual)Gewalt gegen Frauen und Recht" von Alice Schwarzer gespannt zu lauschen. Mit den in der Uni obligatorischen fünf Minuten  zu spät ging es dann auch los. Die Themen, über die Frau Schwarzer auf sehr sympathische Art und Weise referiert hat, sind einfach sehr interessant, auch wenn viele der Kernthesen, für die sie generell steht, in unserer Generation bereits als selbstverständlich angesehen werden. Alice Schwarzer hat schon seit den 1970ern ihre Stimme gegen die Leute erhoben, die von einer eindeutigen Geschlechterhierarchie fest überzeugt sind. Leider gibt auch in unserer westlichen Gesellschaft immer noch zu viele Leute, die die Männer als stärkeres Geschlecht ansehen, unter das sich die Frau unterordnen solle und auch im deutschen Recht ist eine Gleichberechtigung leider noch nicht erkennbar. Interessant finde ich zum Beispiel die Tatsache, dass der Begriff der "Heimtücke" bei der Definition eines Mordes eingesetzt wird und eben für die Weise des Kampfes steht, die Frauen bevorzugen. Wenn ein Mann seine Frau im direkten Angriff mit all seiner Kraft erwürgt beispielsweise, wird das weniger schlimm bestraft, als eine Frau, die ihren Mann vergiftet oder im Schlaf tötet. Der Hintergedanke ist natürlich, dass eine Heimtücke vermutlich länger geplant wurde, aber man hätte auch genauso planen können, wann man seiner verhassten Ehefrau voll eins mit der Faust überzieht (nur Totschlag, keine Heimtücke), um sie erst bewusstlos zu machen und sie anschließend entspannt zu ersticken, auch wenn sie sich selbst bei Bewusstsein nur schwer wehren könnte.
Der Vorfall des Abends, der durch die Medien ging, wie ein Lauffeuer ist aber natürlich der Auftritt von Wetterfrosch Jörg Kachelmann, der einfach mal zufällig zwei Plätze von mir entfernt saß, während der gesamten Veranstaltung. Sein Name fiel in Schwarzers Vortrag einige Male im Zusammenhang mit der über-griffigen Rolle der Leitmedien, da auch bei seinem Fall im Jahre 2010 bis 2011 die Entscheidung des Gerichts mit der Position der meisten mächtigen Medienkonzerne übereinstimmte. Es gilt als Fakt, dass 85% der Richter sich bei der Urteilsfindung an der Position, die die Medien einnehmen, orientieren. Leider ergreifen die Journalisten in ihren Beiträgen über laufende Gerichtsverfahren fast immer Partei und so wird z.B. wenn über einen Kinderschänder berichtet wird, leider selten die Perspektive der Kinder beleuchtet, aber die Beweggründe des Übeltäters werden feinsäuberlich aufgedröselt. Das schafft vielleicht Verständnis unsererseits für den Täter, aber es macht die Tatsache für die Opfer nicht besser. Wer hat denn gesagt, dass bei einer wirklich schlimmen Tat auf Verständnis dann auch die Entschuldigung und Freisprechung des Täters folgen muss? Recht heißt eben nicht immer Gerechtigkeit und auch im Fall von Jörg Kachelmann und seiner Ex wissen im Endeffekt nur die beiden, was der Wahrheit am nächsten kommt. Herr Kachelmann hat sich jedenfalls von Frau Schwarzer während des Vortrages sehr angegriffen gefühlt und in einer kurzen impulsiven Rede versucht sich zu verteidigen.
Was mich an den Wortmeldungen von Herrn Kachelmann und seinem Anwalt stört (hier geht es zu einem Video, klick) ist, dass die beiden sich darauf berufen haben, dass sie im Recht sind, da die Gerichte das letztendlich beschlossen haben. Aber nur weil das System ein Ergebnis als korrekt deklariert, heißt das ja noch lange nicht, dass das System an sich funktioniert. Kachelmann beschuldigte Frau Schwarzer als die einzige vorbestrafte Übeltäterin im Raum und war mit diesem Auftritt leider nicht wirklich überzeugend. Nur weil er sagt, dass er das Opfer eines Verbrechens wurde und die Gerichte das bestätigt haben, heißt das ja nicht, dass es wahr ist, dass seine Ex ihn gezielt mit dem Vorwurf angreifen wollte, statt sich nur selbst zu verteidigen, weil sie vielleicht wirklich ihm zum Opfer fiel. Fakt ist, dass die Leitmedien in Deutschland dann Partei für Kachelmann ergriffen haben und es kann sein, dass seine Ex dadurch, dass sie plötzlich ins Licht des Täters gerückt wurde, so verunsichert war, dass sie fälschlicherweise dann gestand gelogen zu haben etc. Das kann man als außenstehender Beobachter eben einfach nicht sagen. Aber was ich sagen kann, ist, dass Herr Kachelmann sich da einen völlig unpassenden Auftritt geleistet hat, der ihn in kein besseres Licht rückt als zuvor. Vermutlich war es einfach als PR-Gag seinerseits geplant.
Ein weiterer Aspekt des Vortrags von Alice Schwarzer war die Täter-affine Justiz, die eben besagt, dass im Falle "Aussage gegen Aussage" bei mangelnden Beweisen immer zugunsten des Angeklagten entschieden wird. Die Frage ist nur, macht das meistens Sinn? Beweise können schnell unklar werden, da es ja auch vielerlei verschiedene Arten von Sexualgewalt gibt, aber Fakt ist, dass meist nur Täter und Opfer anwesend sind während eines Sexualverbrechens und dass eben dadurch meistens Aussage gegen Aussage steht. Das führt dazu, dass erschreckend wenige angeklagte Sexualverbrechen überhaupt bestraft werden, davon mal abgesehen, dass schätzungsweise nur jede zwölfte Sexualstraftat überhaupt angezeigt wird, da die Opfer meistens auch nicht im Stande sind sich selbst vor dem Gericht metaphorisch gesagt vollkommen zu entblößen  und sich noch einmal genau in die Situation hineinversetzen möchten, wenn es um die Erklärung des Tathergangs geht, etc. Auch Kachelmann wurde damals eben aufgrund mangelnder Beweise freigesprochen, aber ob man von einem zweifelsfreien Urteil sprechen kann, ist meiner Meinung nach strittig.
Interessant war aber auch der Protest eines Partyfotografen, der sich von Frau Schwarzer nicht verstanden fühlte. Er hat sie auf aggressive Weise beschuldigt, dass sie die Männer prinzipiell als die Schuldigen darstelle, obwohl er auch ständig Opfer von sexueller Belästigung durch Frauengruppen auf seiner Arbeit würde. Frau Schwarzer reagierte meiner Meinung nach darauf sehr gut, da sie nur erneut betonte, dass ihr Problem ist, dass es faktisch so ist, dass fast nur Frauen und Kinder Opfer von Sexualverbrechern werden und sie im Recht eben leider noch an vielen Punkten zu kurz kommen. Niemand hat behauptet, dass nicht auch Männer zum Opfer werden können, aber das hat der junge Mann scheinbar so verstanden und stürmte dann sauer aus der Aula.
Gegen Ende der Veranstaltung fasste dann eine Zuschauerin treffend zusammen, dass die Relativierungen, die angestellt wurden und gegen Ende der Diskussion leider vermehrt aufkamen, die Tatsachen der Sexualgewalt an sich nicht besser machen. Insgesamt ist Deutschland zum Glück ein feministisches Entwicklungsland. Wir arbeiten hart an der vollkommenen Gleichberechtigung, aber wir sind halt noch nicht am Ziel. "Wir leben zwar schon im Paradies, aber innerhalb des Paradieses sind wir eben noch etwas zurück", sagte Schwarzer treffend und abschließend.

Wir Mädels fanden den Abend jedenfalls super interessant! Es war echt toll und ich bin sehr dankbar, dass die Universität zu Köln solche Veranstaltungen möglich macht. Ich könnte noch ewig weiterschreiben, aber ich glaube, ich habe das wichtigste aus meiner Sicht gesagt.

hui, schnell ein Foto, hoffentlich gucke ich direkt ganz gut beim ersten versuch, danke auf jeden fall, frau schwarzer!
"Feminismus, das klingt so unrasiert und ungebumst" ist ein Zitat von Carolin Kebekus

Kommentare:

  1. Wie kann jemand über Gleichberechtigung referieren und zur selben Zeit heimtückisch Steuergelder hinterziehen... Fragwürdige Doppelmoral

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  2. PR-Gag? Die Frau hat sein Leben zerstört.

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Pfeffert bitte gerne einfach hin, was euer Hirn gerade auskotzt. Merci.